INTERVIEW IGOR LEVIT

May 11, 2026
Interviewer: Daniel Finkernagel

Was war der Auslöser für dich, dein eigenes Label zu gründen?

Ich folgte, wie so oft, einem Impuls. Ich war an einem bestimmten Punkt in meinem Leben, wo ich das Gefühl hatte, dass ich mehr wollte: Mehr Menschen, mehr Wachheit, mehr Wahrheit, mehr Widerstand. Ich wollte neu definieren, was es für mich heißt, Künstler und Mensch zu sein. Frei zu sein. Und ich wollte auch definieren, was es heißt, nicht frei zu sein.

Was heißt das konkret?

Für mich ist es entscheidend, dass ich Menschen um mich habe, denen ich vertrauen kann, die offen sind, die wachsen wollen. Das versuche ich auch meinen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, die ich an der Hochschule unterrichte. Talent und Fleiß, das ist die eine Seite. Die andere Seite ist Lebensklugheit. Zu wissen, mit wem man geht. Und warum.

Das Label als eine Art Schule des Lebens.

Für mich ist die Grundidee eigentlich ganz einfach: ich möchte wirklich besonderen Künstlerinnen und Künstlern die Chance geben, sich am Markt zu etablieren – und zwar unter Bedingungen, die ihnen ihre eigene persönliche Freiheit lassen. Meine Aufgabe besteht nicht darin, ihnen etwas überzustülpen, das ihnen nicht passt. Ich will diese Menschen, die mir wichtig sind, so stark machen, dass sie ihre eigene Geschichte so laut, so wahrnehmbar, so selbstbewusst, so glaubwürdig und so besonders wie nur irgend möglich erzählen können. Ich möchte, dass die Künstlerinnen und Künstler in jedem Moment unserer Zusammenarbeit merken: Sie sind die Seele des Labels.

Den Namen des Labels hast du unmittelbar nach dem 7. Oktober gefunden, nach dem Schock des Hamas-Massakers an Juden in Israel.

Für mich waren das schlimme, schlimme Wochen. Ich hatte plötzlich keine Sprache mehr. Buchstäblich. Ich fühlte mich einsam, verwundbar, verloren. Für mich war Israel immer ein Ort der Sicherheit, ein Versprechen auch. Ich fühlte mich sicher, weil es Israel gab. Und als Israel auf diese brutale, menschenverachtende Weise angegriffen wurde, brach etwas in mir. Über Monate hinweg litt ich an Wortfindungsstörungen. Die Musik war noch da. Aber die Sprache war weg.

„Gegen das Schweigen, gegen Antisemitismus“ war der Titel einer Veranstaltung, die du einige Wochen nach den Anschlägen mit Michel Friedman am Berliner Ensemble organisiert hast.

Ich weiß noch genau, wie es war, bevor ich den ersten Ton gespielt habe. Ich war auf der Bühne. Ich fühlte mich befreit. Auf der Fahrt nach Hause war etwas anders. Damals entschied ich mich für den Namen No Silence. Ich wollte, ich will nie wieder still sein. No Silence ist damit mehr als ein Label. Es ist eine eine Haltung. Der Name bedeutet für mich die Weigerung, wegzuschauen. Die Weigerung, sich anzupassen. Die Weigerung, Kunst als Dekoration zu behandeln, als Beruhigungsmittel.

Was folgt daraus für dich?

Wenn ich den Appell No Silence konsequent weiterdenke, dann wird mir klar, dass das Label nur der Anfang sein kann. Der erste Baustein eines Hauses, weitere werden hinzukommen und sind bereits in Planung. Denn es braucht mehr als ein Label, um die Dinge zu verändern, Widerstand zu leisten gegen die Gedankenlosigkeit und Herzlosigkeit unserer Zeit, gegen den Mangel an Schönheit, Sinn, Mut und Aufbruch. Ich arbeite deshalb gerade am Konzept für eine No Silence Stiftung, die Musikerinnen und Musiker verschiedenster Stilrichtungen fördert und ermutigt, den Gedanken No Silence in die Welt zu tragen – mit Hilfe eines Festivals, einer Akademie und Education-Programmen. Kurzum: No Silence soll ein Netzwerk werden, das Label ist nur der Auftakt.

Wer soll Teil der No Silence Familie werden?

No Silence ist kein reines Klassik-Label. Das Genre ist mir egal. Eine wichtige Begegnung war vor ca sechs Jahren die mit dem jungen Pianisten Lukas Sternath, der mein Student wurde und ein außergewöhnlicher Künstler ist. Aber ob Pianistin, Geiger, Sängerin, Rapper, Gitarristin. Jazzmusikerin, Soul Artist, Punk: Das einzige, was zählt, ist, dass mich jemand wirklich inspiriert. Ich habe No Silence nicht gegründet, um ein weiteres Label in die Welt zu setzen. Ich mache das, weil ich glaube, dass No Silence in zehn, zwanzig Jahren der Ort ist, an dem die aufregendste Musik unserer Zeit entsteht.

Welche Rolle übernimmst du dabei?

Ich werde das Programm zusammenstellen, zusammen mit meinem Team. Die entscheidende Frage ist dabei nicht: Passt du zu mir? Sondern: Wer bist du? Was brauchst du? Ich will den anderen, die andere sehen, wie er oder sie ist. Nicht als Erweiterung meiner eigenen Idee. Entscheidungen werden zusammengetroffen. Das Wichtigste ist, dass sich die Menschen bei No Silence gut behandelt fühlen und tatsächlich gut behandelt werden. Wenn es um geistiges Eigentum geht, um Rechtefragen, um Augenhöhe, um Souveränität. Ich will, dass sie sich frei entfalten können.

Was werden die ersten Veröffentlichungen auf No Silence sein?

Im Herbst 2026 erscheinen die ersten drei Alben. Lukas Sternath gibt sein Debüt. Er spielt Liszt und Schubert. Kein sanftes Programm. Die Dante-Sonate ist ein musikalisches Inferno, Liszt am Rand des Möglichen. Die Wanderer-Fantasie: Schubert, der das Klavier zwingt, ein Orchester zu sein. Alles wird größer als es sein dürfte. Alles bricht auf. Das ist kein Debüt. Das ist eine Ankunft. Dann werde ich selbst Eric Saties Vexations aufnehmen. Ich habe das Stück bereits zweimal live gespielt. 840 Wiederholungen desselben Motivs. 16 Stunden. Bis Stille zur Unmöglichkeit wird. Und Beethovens Eroica in der Klavierbearbeitung von Liszt, zusammen mit Schönbergs Ode an Napoleon. Beethoven, der Napoleon erst bewunderte und dann verwarf, weil er verstand, was Macht mit Menschen macht. Schönberg, der im Exil über Tyrannen schrieb, weil er nicht schweigen konnte. Dörte Lyssewski rezitiert den Text, Antonello Manacorda dirigiert, die Kammerakademie Potsdam spielt.

Welche Idee steckt hinter dem explosiven Logo von No Silence?

Ich saß mit meinem Freund, dem Künstler Christian Hoosen, im Zug nach Salzburg. Auf dem Tisch lag sein Feuerzeug, das ich ihm mal geschenkt hatte. Da habe ich zu ihm gesagt: Das ist es. Ich möchte, dass etwas angezündet wird. Nicht, um zu zerstören. Sondern um den Funkenflug in Gang zu setzen. Christian hat dann den Schriftzug No Silence entwickelt, eine Hand, die ein Feuerzeug bedient. Das war der erste Schritt. Dann sagte er: Ich kenne da zwei großartige Leute von einer Designagentur. Lass mich mit denen sprechen. So kamen die PFA Studios ins Spiel. Deren erster Entwurf zeigte keine Hand mit Feuerzeug mehr, sondern eine Explosion. Mit einem Menschen, der mittendrin steht. Er bleibt stehen. Er geht nicht weg. Ich wusste sofort: Das ist es.

Wofür steht die Explosion konkret?

Jede künstlerische Stimme, die zum ersten Mal erklingt, ist eine Explosion. Nicht im zerstörerischen Sinne. Im konstruktiven. Ich möchte dabei helfen, dass diese Stimme so hörbar, so laut, so unüberhörbar in die Welt geht wie möglich. „Hier bin ich.“ Das ist der Satz, den ich hören will.

Welche Rolle spielt dabei dein Haus-Label, die Sony?

Sony ist seit 2012 mein Partner. Eine Partnerschaft, die mit vielen Alben über die Jahre gewachsen ist. Es war für mich eine natürliche Entscheidung, Sony bei No Silence mit ins Boot zu holen. Ich will diesen Weg gehen, aber ich will ihn nicht alleine gehen. Deshalb startet No Silence mit Sony als Partner. Die Seele des Labels bleibt eigenständig. No Silence soll ein Ort sein für Künstler, die darin nicht nur ein Label sehen, das Alben produziert. Denn sie werden Teil eines großen Netzwerkes, das eine klare Haltung und einen Blick auf die Welt formuliert: Hinschauen, nicht schweigen, verändern. No Silence.

 

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